CHRISTOPHER BUCHHOLZ
interview in zürich

Gay.ch traf Christopher Buchholz, den Sohn und Co-Regisseur

Christopher, wie war das als Sie erfuhren, ihr Vater hat eine Beziehung zu einem Mann?
Für mich war das kein Problem, ich habe seine Bi-Sexualität ganz langsam mitgekriegt. Ich wurde ganz liberal aufgezogen und war auch schon etwa 18 Jahre alt, als er sich entschloss mit einem Mann zusammen zu ziehen. Er liebte jemanden, ob Mann oder Frau, das war für mich in Ordnung. Was nicht okay war, er hatte meiner Mutter damit sehr weh getan, das war hart. Man kann als Kind nicht ohne Schmerz mit ansehen wie die Mutter leidet. Aber sie hat sich damit einverstanden erklärt. Wenn sie das nicht gemacht hätte, hätte er sie auch verlassen und ihn ganz verloren. Es braucht immer zwei Leute um ihre eigene Welt zu schaffen.

Ist Ihr Vater, nachdem er nach Berlin gezogen ist, dort ganz vereinsamt?
Nein, nein, er hat dort in der Wohnung, die wir im Film sahen mit seinem Freund zusammengelebt. Zwei Jahre vor seinem Tod ist der Freund nach Australien gezogen um dort Arbeit zu suchen. Er kam aber regelmässig nach Berlin. In einer Männerfreundschaft ist das ja nichts besonders. Es ist ganz anders wie mit einer Frau. Er war weg, aber er war immer noch eng befreundet. Ich glaube das ist universell: Ich kann tagelang mit meinen Freunden zusammen sein, ich langweile mich dabei nie. Mit meiner Freundin möchte ich das aber nicht. Für eine gewisse Zeit schon, aber dann brauche ich wieder mehr Distanz. Klar zwei Männer die zusammen leben sind auch irgendwie ein Ehepaar und brauchen manchmal Distanz, aber über eine lange Zeit haben die eine ganz andere Beziehung.

Warum kommt der Freund im Film nicht vor?
Der Film ist über meine Familie. Der Freund war ein Teil des Lebens meines Vaters, aber kein Teil meiner Familie. Ich habe zwar mit ihm gedreht, auch mit Wim Wenders, geplant war eher ein konventionelles Portrait oder eine Biographie. Aber dann ist mein Vater gestorben, und es wurde plötzlich klar, wir machen ein Film über die Familie. Da hatten diese Leute kein Platz mehr, es machte keinen Sinn sie über meinen Vater sprechen zu lassen.

Ich finde die Gegenüberstellung von Ihrem Vater als alter Mann mit den Filmausschnitten aus seiner Jugend sehr anrührend. Besonders wie seine Altersdepression dargestellt ist, hat mich sehr berührt. Ich sehe das oft bei Schwulen die älter werden, die nicht mehr der junge Charmeur sind. War das bei Ihrem Vater auch so?
Ich kenne mich in der Schwulenszene nicht besonders gut aus, ich kann das nicht beurteilen. Ich kann nur sagen, mein Vater war Schauspieler. Schauspielen hat mit Eitelkeit zu tun. Er hatte das Pech immer sehr gut auszusehen, sehr lange jung zu wirken. Doch man kann nicht sein Leben lang den Jungen spielen. Auch als reifer Mann wäre er ein guter Schauspieler gewesen, «La Vita è Bella» zeigt es auf eine wunderbare Weise. Und da war «Der kleine Unterschied», die Geschichte eines etwa 65-jährigen Mannes, der sich eine junge Frau verliebt und seine Frau verlässt und ein neues Leben anfängt, da überzeugte er als reifer Schauspieler. Doch in Deutschland gab es wenig Rollen, die ihm im Alter gerecht wurden.

Ihre Mutter sagt im Film, «Felix Krull» zeige alles was ihr Vater war. Hat er je darüber gesprochen, wie es für ihn war, die Rolle des bisexuellen Felix Krull zu drehen?
Nein, als dieser Film gedreht wurde, war ich noch nicht geboren. Wir haben zuhause nicht wirklich über seine Arbeit geredet, schon gar nicht über alte Filme. Ich kann es nur im Film sehen, der übrigens sehr lustig und humorvoll ist. Da gibt es die Szene, wo ein älterer schwuler Mann den jungen Felix Krull adoptieren möchte. Die Szene ist so was von fein, da geht es nicht nur um Männerliebe, sondern auch um eine Vater-Sohn-Beziehung. Das ist mit sehr viel Klasse gemacht, das muss man fühlen, so etwas kann man nicht aufsetzen. Hochstaplerei ist Schauspielerei, der Charmeur welcher alle um seine Finger wickelt, das ist die Figur des Felix Krull. Meine Mutter hat recht, diese Rolle zeigt meinen Vater, so wie er war.

Luciano Visconti wollte Ihren Vater für die Rolle des Pancredi im «Il Gattopardo». Alain Delon hat sich dort neben Burt Lancaster ein Denkmal gesetzt. Hat ihr Vater es nie bereut, die Rolle abgelehnt zu haben.
Nein, er hat das nie erwähnt. Für ihn war das Leben Rock 'n' Roll, eine einzige Party. Das Gestern war im Heute vergessen. Es ist immer leicht danach zu sagen, schade habe ich das nicht gemacht.

Er hätte die Rolle des Pancredi sicherlich genau so gut ausgefüllt wie Alain Delon! Oder die von Marcello Mastroiani in «Dolce Vita» von Federico Fellini!
Ja, absolut. Er war auch im Gespräch für die Rolle des Tony in der West-Side-Story.

Das war doch eine Rolle für einen Sänger?
Ja schon, aber er hätte das lernen können. In Amerika sind die Filmemacher immer bereit, jemandem Zeit zu lassen um etwas zu lernen. Später trat mein Vater in «Cabaret» auf der Bühne auf, und dort musste er singen und tanzen. Tanzen konnte er, zu singen hat er gelernt. Er war unheimlich talentiert im lernen. Er sprach beispielsweise neben Deutsch, Englisch, Russisch, Italienisch und Französisch.

Christopher, vielen Dank für das Gespräch.

Bericht und Interview Thomas Voelkin

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Horst Buchholz ... mein Papa

Schauspieler und Berliner Legende

Gedacht als Portrait des Schauspielers, ergab sich im Verlaufe der Interviews, und vor allem nach dem unerwarteten Tod von Horst Buchholz, eine wunderbare Gegenüberstellung: Die des jungen, erfolgreichen Weltstars in den Fünfziger Jahren und die eines gealterten Mannes, gefangen in seinen Depressionen. Der Sohn und Co-Regisseur Christopher Buchholz versuchte seinem Vater eine neue Perspektive zu geben, durch die Aufarbeitung der Vergangenheit neue Initiative in sein Leben zu bringen. Doch der empfindet das Leben als ein Déjà-vu, für das er keine Freude mehr habe.

Der Film ist eine Innenansicht einer Familie, in der das Artikulieren der eigenen Wünsche kaum möglich ist. Vater und Mutter sind Schauspieler, alles ist Schauspielerei, das Echte vom Aufgesetzten nicht zu unterscheiden. Die Vergangenheit sind die Filme, die aufs Zelluloid gebannte Jugend, die wunderbare Mimik und die Lebensfreude des begabten Schauspielers. Das zeigen die Ausschnitte aus den alten Filmen, aber auch die aus dem Film mit dem alten Star in «La Vita è Bella», sowie die privaten Super-8 Filme der Mutter. Mit Mühe entlockt der Sohn seinem Vater Anekdoten dazu, er verweigert sich aber meistens.

Auch die Mutter möchte nicht über Vergangenes sprechen, die schönen Erinnerungen nicht zerreden. Er sei der wunderbarste Ehemann und Vater gewesen, obwohl er seine Affären gehabt habe, aber das sei nun mal das Wesen ihres Schauspieler-Prinzen. Nur dass er mit seinem Verhalten seine Schauspielkunst zerstört habe, das habe sie böse gemacht. Dass er in seinen späten Jahren zu seinem Freund nach Berlin gezogen ist, scheint für sie anscheinend nicht prägend zu sein. Zu stark waren offenbar die schönen Momente mit ihm. Vom Sohn gefragt, was sie über sein Leben und seine Bi-Sexualität denke, antwortet sie nur, im «Felix Krull» sei alles gesagt, was der Vater war ...

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Originaltitel: Horst Buchholz - Mein Papa
Filmlänge: 90min
Land (Jahr): Deutschland (2005)
Genre: Dokumentation
Besetzung: Myriam Bru, Christopher Buchholz, Horst Buchholz
Regie: Christopher Buchholz, Sandra Hacker
Kamera: Arthur Boisnard
Produktion: Christopher Buchholz, Sandra Hacker
Verleih: Stamm Film
Release: 01.12.2005 (dt)