(19.10.11/dom)
Die Zeichen verdichten sich, dass die Behörden in Zyperns
türkischem Norden derzeit massiv gegen Schwule vorgehen. Am
Freitag wurden wieder drei Männer verhaftet und aufgrund ihrer
"unnatürlichen Beziehung" angeklagt.
Die Lage im türkischen Norden Zyperns ist verzwickt:
Eigentlich hat die Republik Zypern die Kriminalisierung von
Homosexualität im Jahr 1998 offiziell abgeschafft, rund fünf
Jahre nachdem der Schwulenaktivist Alecos Modinos deswegen vor
den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte zog. Doch es
brauchte erneut den Druck aus Europa, damit zwei Jahre später
auch die homosexuellen Beziehungen legalisiert und das
Schutzalter jenem der Heterosexuellen angepasst wurde. Doch
diese Regelungen gelten eben nur für die Republik Zypern, und
scheinen den türkischen Norden des Landes nicht zu betreffen.
Damit ist Nordzypern das einzige "Land" in Europa, welches
gleichgeschlechtliche Handlungen noch kriminalisiert - ein
Relikt, welches noch vom Britischen Empire her übrig geblieben
ist. Eigentlich würde der Norden Zyperns ebenfalls zur Republik
Zypern gehören, doch die Regierung besteht seit 1963 nur noch
aus Zyperngriechen, und durch die Besetzung des Nordens durch
die Türken im Jahr 1974 hat die Regierung dort keine Macht mehr.
Dazu wurde die Türkische Republik Nordzypern gegründet, welche
jedoch ausser von der Türkei von der internationalen
Staatengemeinschaft nicht anerkannt wird. Laut dem
internationalen Gesetz ist Nordzypern also Teil der Republik
Zypern und damit eigentlich auch Teil der Europäischen Union,
aber eben, nur eigentlich.
Bereits im Juli wurden zwei Männer aufgrund "unnatürlicher
Handlungen" zu je fünf Jahren Haft verurteilt. Im jüngsten Fall
wurden am Freitag drei Männer in ihrem Haus verhaftet. Angeblich
war einer der Männer der ehemalige Finanzminister und
Angestellter der Weltbank, Michalis Sarris, und die beiden
Anderen sollen im Alter von 17 respektive etwas über 30 gewesen
sein. Die Polizei soll dabei ihr Haus im Norden der Hauptstadt
Nikosia durchsucht haben, und dies offenbar, obwohl kein
Durchsuchungsbefehl vorlag, wie "Initiative Against Homophobia",
eine LGBT-Gruppe im Norden Zyperns, berichtet. Die Drei seien
zudem Polizeigewalt ausgeliefert gewesen, heisst es weiter.
Wie Emine Erk, die Leiterin der türkisch-zypriotischen "Human
Rights Foundation" erklärt, werde das Gesetz selten angewandt
und bislang sei es nur zu wenigen Verurteilungen gekommen.
Meistens werde das Gesetz im Zusammenhang mit anderen Vergehen
geahndet. Sie hoffe nun, dass durch die Verhaftung des
ehemaligen Finanzministers Europa auf diese
Menschenrechtsverletzungen aufmerksam werden, damit der nötige
politische Druck entstehe, dass das Gesetz abgeschafft werde.
Interessant dürfte auch der Gerichtsprozess werden, denn die
Verteidiger werden das Vergehen grundsätzlich in Frage stellen,
da sich der türkische Teil Zyperns selber ebenfalls der
Europäischen Menschenrechtskonvention unterstellt hat und
Homosexualität darin klar nicht kriminalisiert wird.
Bis zum Prozess versucht nun "Initiative Against Homophobia" den
Widerstand gegen dieses Gesetz in Nordzypern zu organisieren. So
beschuldigen sie unter anderem die Medien, dass diese die
Öffentlichkeit mit homophoben Berichten und Kommentaren
beeinflussen. Die Gruppe ruft zudem alle besorgten Bürger,
Schwulen- und Menschenrechtsaktivisten dazu auf, nicht ruhig zu
bleiben, sondern sich zu wehren und vor dem Obersten Gericht in
Nikosia gegen die Verhaftungen und die Diskriminierung der LGBTs
zu demonstrieren. |